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Unter dem Begriff der Mystik werden Texte unterschiedlicher Gattungszugehörigkeit gefasst, die sich um die sprachliche Vermittlung persönlicher Erfahrungen Gottes im Diesseits bemühen. Sie schildern das Streben einzelner Individuen zur Gottesnähe, ihr vorbildhaft frommes Leben, die von ihnen unternommenen Frömmigkeitspraktiken und – manchmal – sogar eine momentane gnadenhaften Vereinigung der oder des Einzelnen mit dem Göttlichen, die sog. "unio mystica". Weil aber sowohl das Göttliche als auch dessen Erfahrung sich dem Begrifflichen entzieht, entwickelte sich eine eigene, aus verschiedenen theologischen und monastischen Traditionen gespeiste "mystische Sondersprache" (K. Ruh) mit eigenen literarisch-poetischen poetischen Verfahren, die das Unsagbare beschreibbar machen sollte.
Besonders fruchtbar war im Mittelalter die volkssprachige Mystik, die seit dem 11. Jahrhundert in klösterlichen Kontexten greifbar ist und im 13. und frühen 14. Jahrhundert im Umfeld monastischer Gemeinschaften und in den aufblühenden Städten ihren produktiven Höhepunkt erreicht. Einen maßgeblichen Einfluss auf diese Entwicklung hatten vor allem die Predigerorden mit ihrer Aufgabe, sich der Seelsorge der Nonnen ("cura monialium") anzunehmen. Einen zweiten Höhepunkt der Rezeption erfährt die volkssprachige Mystik im 15. Jahrhundert, der jedoch äußerst ambivalent ist: Zum einen werden mystische Texte rege reproduziert, übersetzt und weiterhin neu verfasst, zum anderen werden aber immer mehr Stimmen laut, welche die in den Texten beschriebenen extremen Frömmigkeitspraktiken und die Behauptungen von Gottesbegegnungen in Frage stellten und teils scharf kritisierten.
Der Kurs bietet einen einführenden Überblick über das breite Feld der mystischen Literatur in der Volkssprache, indem an ausgewählten Texten wesentliche literarische und kulturgeschichtliche Aspekte der volkssprachigen Mystik des Mittelalters erarbeitet werden: Die poetischen Elemente und performativen Aspekte mystischer Texte; deren textimmanent konstituierte Autorschaft und ihr Verhältnis zu Geschlechternormen und -verhältnissen; die theologischen Voraussetzungen der Texte und die in ihnen thematisierten Frömmigkeitspraktiken; sowie die historischen Bedingungen ihrer Produktion und Rezeption.
Neben der Lektüre von Texten der Frühzeit, wichtiger Vertreter der "rheinischen Mystik" (bes. Heinrich Seuse und Meister Eckhart) sowie spätmittelalterlichen Rezeptionszeugnissen wird ein besonderer Schwerpunkt auf die sog. "Frauenmystik" gelegt (u. a. Mechthild von Magdeburg, Elisabeth von Schönau, Elsbeth von Oye, Margareta Ebner): Texte, die von göttlich begnadeten Frauen berichten, die Frauen selbst verfasst haben und/oder die für die Rezeption durch Frauen konzipiert wurden. Die zu lesenden Texte werden den Studierenden auf Ilias zur Verfügung gestellt.
Der Besuch der 1. Sitzung ist obligatorisch.
Literatur
Zur Einführung:
Haas, Alois M.: Deutsche Mystik. In: Ingeborg Glier (Hrsg.): Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. 1250–1370. Zweiter Teil: Reimpaargedichte, Drama, Prosa, München: C. H. Beck 1987 (= Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart 3.2), S. 234-305, bes. S. 234-239.
Leppin, Volker: Ruhen in Gott. Eine Geschichte der christlichen Mystik, 2., durchges. Aufl., München: C. H. Beck 2024, S. 9-22. |