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Im Jahr 1456 beendet der Berner Patrizier Thüring von Ringoltingen seine Übertragung des französischen Versromans ‚Mélusine‘ in deutsche Prosa – nicht ohne die Wahrheit der erstaunlichen Geschichte zu beteuern, die er dem Berner Publikum präsentiert: Der verarmte Adlige Reymund, der bei der Jagd versehentlich seinen Onkel getötet hat und nun fürchtet, des Mordes bezichtigt zu werden, irrt verzweifelt durch den Wald. Dort begegnet er der wundersamen Melusine, die ihm die Ehe und die Rückkehr in die Gesellschaft anbietet, allerdings unter der Bedingung, dass er sie niemals an einem Samstag aufsuchen oder nach ihr fragen darf. Reymund geht darauf ein, und das Paar lebt jahrelang in großem Glück. Melusine lässt Reymunds Land prosperieren und gebiert ihm einen Sohn nach dem anderen. Doch kommt es, wie es kommen muss: Reymund lässt sich dazu verleiten, seiner Gattin an einem Samstag nachzuspionieren. Heimlich beobachtet er sie im Bad und entdeckt voller Entsetzen, dass sie sich vom Nabel abwärts in einen Drachen verwandelt hat. Als er dieses Geheimnis in einem unbedachten Moment verrät, verlässt sie ihn. Als Zwitterwesen fliegt sie durchs Fenster und muss für immer unerlöst bleiben.
Die Erzählung von der Fee Melusine, die sich mit einem Sterblichen vermählt und zur Stammmutter des Hauses Lusignan wird, gehört zu den bekanntesten Geschichten der europäischen Literatur. Im Seminar werden wir den Ursprüngen des Stoffs nachgehen, ihn über die französischen Melusinenromane (Auszüge) verfolgen und uns in handlungsanalytischen Zugängen auf seine Aktualisierung im Bern des 15. Jahrhunderts konzentrieren.
Der Besuch der 1. Sitzung ist obligatorisch.
Literatur
a) Thüring von Ringoltingen, Melusine, in: Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten hg. von Jan-Dirk Müller, Frankfurt am Main 1990 (Bibliothek deutscher Klassiker 54), S. 9-176 und S. 1012-1087 (Kommentar). [=im Seminar verwendete Textausgabe, wird in Form eines Readers bereitgestellt]
b) Coudrette: Le Roman de Mélusine. Texte présenté, traduit et commenté par Laurence Harf-Lancner, Paris: Flammarion 1993.
c) Christa Bertelsmeier-Kierst: Thüring von Ringoltingen: ‚Melusine‘. Der frühe Bucherfolg im Spiegel der Netzwerke städtischer und höfischer Eliten. Stuttgart: Hirzel 2022 (ZfdA, Beiheft 39).
d) Müller, Jan-Dirk: Thüring von Ringoltingen. In: Burghart Wachinger u.a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 2., völlig neu bearb. Aufl., Bd. 9. Berlin und New York: De Gruyter 1995, Sp. 908-914.
e) Schnyder, André: Weltliteratur in Bern: Die ,Melusine' des Thüring von Ringoltingen. In: Berns grosse Zeit. Das 15. Jahrhundert neu entdeckt, hg. von Ellen J. Beer, Bern 1999, S. 534-542.
f) Misty Urban u.a. (Hrsg.): Melusine’s footprint. Tracing the legacy of a medieval myth. Leiden, Boston: Brill 2017 (Explorations in Medieval Culture 4). |