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Mitte des 19. Jahrhunderts setzten weltweit extraktive Prozesse auf der Suche nach Erdöl ein: 1846 bohrte die schwedische Firma Nobel einen Ölbrunnen nahe Baku, Aserbaidschan. 1857 trieb die amerikanische Merrimac Oil Company einen Erdölbrunnen in den Boden der britisch kolonialisierten Karibikinsel Trinidad. 1859 installierte Edwin L. Drake einen Bohrturm in Titusville, Pennsylvania, und entwickelte eine neue Bohrmethode, die den US-amerikanischen Ölrausch auslöste. Auch wenn Erdöl damals überwiegend als Maschinen-Schmiermittel und als Lampen-Brennflüssigkeit eingesetzt wurde, nahm die weltweite Dominanz fossiler Energien hier ihren Anfang. Im Jahr 2026 ist der geopolitische Kampf um den Zugang zu fossilen Ressourcen wiederum ein brandaktuelles Thema.
Im Zentrum des Hauptseminars stehen die Verflechtungen zwischen Erdölindustrialisierung und Architektur, Städtebau und Kunst von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Es nimmt dafür eine globale Perspektive ein, wirft Schlaglichter auf Erdölstaaten wie Aserbaidschan, die arabische Golfregion, Iran, Nigeria und Venezuela sowie auf Staaten, die vergeblich nach Erdöl bohrten (Schweiz, São Tomé und Príncipe). Wir lesen Texte aus unterschiedlichen Disziplinen, die das Feld der «petro-culture studies» und «energy humanities» ausmachen, um die Bedeutung von fossilen Rohstoffen und Energieregimen im Kontext von Staatenbildung, Gender, Demokratie und Klimawandel zu verstehen. Parallel dazu untersuchen wir mittels Fallstudien, wie die Erdölmoderne aus kunsthistorischer Perspektive analysiert werden kann – etwa durch künstlerische Arbeiten, einzelne Gebäude oder städtebauliche Konzepte. Bilder und Bauwerke haben entscheidend dazu beigetragen, die Erdölmoderne zu materialisieren und als unproblematisch zu bewerben. Wie können wir sie analysieren und diese Analyse als Teil der Klimawende, weg von fossilen Energien, produktiv machen?
Das Hauptseminar bietet die Gelegenheit, sich theoretisch-methodisch in das interdisziplinäre Feld der «petroculture studies» und «energy humanities» einzuarbeiten und die Zusammenhänge zwischen fossilen Energien, der gebauten Umwelt und künstlerischen Arbeiten kritisch und kunsthistorisch fundiert zu untersuchen. Das Seminar richtet sich an (fortgeschrittene) BA-Studierende und MA-Studierende. Der Leistungsnachweis umfasst die aktive Seminarteilnahme (max. 2 Absenzen) mit einer Kurzpräsentation/Moderation sowie das Verfassen einer Seminararbeit.
Literatur:
Buell, Frederick (2012): A Short History of Oil Cultures. Or, the Marriage of Catastrophe and Exuberance. Journal of American Sudies 46:2, 273–293.
Fuccaro, Nelida (2013): Introduction. Histories of Oil and Modernity in the Middle East. Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East 33:1, 1–6.
Hindelang, Laura (2024). Für eine Kunstgeschichte der De/Karbonisierung. Oder: Eine globale Baustelle namens Moderne. Birte Kleine-Benne (Hg.), Eine Kunstgeschichte ist keine Kunstgeschichte: Kunstwissenschaftliche Perspektivierungen in Text und Bild, Berlin 2024. https://doi.org/10.30819/5798
Klose, Alexander; Steininger, Benjamin (2020): Erdöl. Ein Atlas der Petromoderne. Berlin.
Marek, Daniel (2001): Erdöl. Historisches Lexikon der Schweiz. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/014049/2020-12-11/
Zardini, Mirko (2009): Homage to Asphalt. In: Log (15), S. 8–15. |