| Description |
Seit den 1980er Jahren haben sich in Soziologie, Politologie und Philosophie "care studies" bzw. "care ethics" formiert, in denen über die ethische Fundierung und gesellschaftliche Organisation von Sorgetätigkeiten diskutiert wird. Angesichts der gegenwärtig diagnostizierten ›Care-Krise‹ oder der ausgerufenen ›Care-Revolution‹ scheint es an der Zeit, Sorgekonzepte auch in ihrer historischen Vielfalt und semantischen Vielschichtigkeit wahrzunehmen. Dazu will das Seminar in der gemeinsamen Lektüre von (literarischen) Texten des 18.-21. Jahrhunderts beitragen. Gelesen werden zunächst theoretische Auseinandersetzungen mit dem Begriff der Sorge (Heidegger, Foucault) sowie Beiträge aus den "care ethics" (Tronto, Pulcini), um unterschiedliche Konzepte der Sorge wie Fürsorge, Selbstsorge, Lebenssorge, Sorgearbeit (repair, maintain) zu diskutieren. An literarischen Texten von J. G. Herder, A. Stifter, M. v. Ebner-Eschenbach, J.M. Coetzee, J. Zeh und A. Stelling sollen dann exemplarische Figuren und Narrative des Sorgens herausgearbeitet werden. Hier wird nach den gender-spezifischen Ausprägungen (Mütter, Väter, Brüder, Großväter), den institutionellen Rahmungen wie auch den emotionalen Grundierungen sorgender Beziehungsgeflechte zu fragen sein. Ziel des Seminars ist es, gemeinsam Ansätze zu einer Geschichte der Sorge zu erarbeiten: Wie verändern sich die Sorgeideale und die damit verbundenen Gefühlsimperative? Welche Deutungskonflikte kommen zum Tragen? Welche Darstellungsformen werden entwickelt? Und wie wird der gesellschaftlich stark invisibilisierte Bereich alltäglicher Sorgearbeit überhaupt literaturfähig?
Der Besuch der 1. Sitzung ist obligatorisch.
Literatur
a) Undercurrents (Hrsg.): Literatur und Care. Berlin: Verbrecher Verlag 2023.
b) Frans Vosman, Andries Baart und Jaco Hoffman (Hrsg.): The Ethics of Care: the State of the Art. Louvain: Peeters Publishers 2020.
c) Gabriele Winker: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Bielefeld: Transcript 2015. |