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Wie kleidet man sich für die Ewigkeit? Sind die in Gräbern erhaltenen Textilien Ergebnis bewusster Entscheidungen, also eigens für die Bestattung gefertigte Gewänder, zu Lebzeiten getragene Kleidung oder vielleicht auch eine Form der „Entsorgung“ alter, geweihter liturgischer Gewänder? Und unterscheiden sich solche Praktiken zwischen Eliten und weniger privilegierten Gruppen?
Die Vorlesung untersucht Textilien aus königlichen, kaiserlichen sowie geistlichen und bürgerlichen Gräbern vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit. Neben Europa werden auch ausgewählte Textilfunde aus fatimidischen Gräbern einbezogen.
Im Zentrum stehen die materiellen Eigenschaften, Herstellungsweisen und Funktionen dieser Grabtextilien sowie ihre Rolle für Memoria, Repräsentation und Herrschaftsinszenierung. Da christliche Herrscher häufig auch in Textilien aus der islamischen Welt bestattet wurden, rücken zudem Fragen nach Transferprozessen, Aneignungen und Bedeutungsverschiebungen im interkulturellen Kontext in den Fokus. Anhand ausgewählter Fallstudien (u. a. Herrschergräber, klösterliche Bestattungen, städtische Eliten, fatimidische Gräber) wird zugleich aufgezeigt, wie sich aus der Beschäftigung mit Grabfunden seit dem 19. Jahrhundert ein eigenständiger Forschungszweig innerhalb der Geschichte der textilen Künste entwickelt hat. Die Vorlesung bietet damit auch eine Einführung in zentrale Fragestellungen und Entwicklungslinien der Fachgeschichte. Sie verbindet objektnahe Analysen mit methodischen und fachgeschichtlichen Perspektiven der Textil-, Kunst- und Geschichtswissenschaft.
Literatur (Auswahl)
Flury-Lemberg, Mechthild, und Gisela Illek. 1995. „Der Grabornat König Rudolphs I. von Böhmen. Spuren kostbarer Gewebe.“ In Riggisberger Berichte 3, 174–199. Riggisberg: Abegg-Stiftung.
Gómez-Moreno, Manuel. 1946. El panteon real de las Huelgas de Burgos.
Kantorowicz, Ernst Hartwig. 1991. Die zwei Körper des Königs: Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. München.
Koch, Alexander, Melanie Herget, und Historisches Museum der Pfalz. 2011. Des Kaisers letzte Kleider: neue Forschungen zu den organischen Funden aus den Herrschergräbern im Dom zu Speyer. München: Edition Minerva.
Kohwagner-Nikolai, Tanja. 2020. Kaisergewänder im Wandel – goldgestickte Vergangenheitsinszenierung: Rekonstruktion der tausendjährigen Veränderungsgeschichte. Regensburg: Schnell & Steiner.
Müller-Christensen, Sigrid. 1960. Das Grab des Papstes Clemens II. im Dom zu Bamberg. München: Bruckmann.
Nockert, Margareta. 1986. Arkebiskoparna från Bremen: en textilarkeologisk undersökning. Stockholm: Statens Historiska Museum.
Petzet, Michael, und Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege. 1988. „Textile Grabfunde aus der Sepultur des Bamberger Domkapitels. Internationales Kolloquium, Schloss Seehof, 22./23. April 1985.“ München, 25. September 1988.
Ruß, Sibylle, und Ursula Drewello. 2024. Die Bamberger Kaisergewänder im Wandel: Kunsttechnologische und materialwissenschaftliche Aspekte. Regensburg: Schnell & Steiner.
Yarza, Joaquín, und Palacio Real. 2005. Vestiduras ricas: El Monasterio de las Huelgas y su época 1170–1340. Madrid: Patrimonio Nacional. |